
date/time: 12.07.2005 15:16
http://www.vsa-aas.org/Le-metier-d-archiviste-a-la-cr.231.0.html
Ein Berufsbild im Umbruch
Ursprünglich war der Archivar nicht selten ganz in der Nähe der Macht, häufig war er sogar selber Mitglied einer Regierung. Er profitierte in der Regel von einer juristischen Ausbildung, die für die Ausübung seiner Funktionen unentbehrlich war: Sie diente ihm dazu, mit seinem Archivgut die Rechte des Staates oder der Institution, der er verpflichtet war, zu dokumentieren und sicherzustellen. Mit der Öffnung der Archive für die Geschichtsforschung seit dem 19. Jahrhundert erforderte der Archivarsberuf ganz neue und unentbehrliche Fachkenntnisse wie etwa Diplomatik, Paläographie, Sigillographie oder Heraldik.
Die markanteste Entwicklung im Archivarsberuf in neuester Zeit ist ohne Zweifel die enorme Ausweitung des Tätigkeitsbereichs. Im 19. Jahrhundert hatte sich der Archivar (Archivarinnen waren damals kaum anzutreffen) fast ausschliesslich mit Dokumenten, die für den Alltagsgebrauch überflüssig geworden waren, zu beschäftigen. Archivarinnen und Archivare unserer Zeit intervenieren dagegen in jedem Stadium im Leben eines Dokuments, vom Augenblick seiner Entstehung, unter Umständen sogar vorher, bis zur endgültigen Aufbewahrung oder Vernichtung. Sie achten sorgfältig darauf, den Dossier -Zusammenhang zu bewahren, ohne den diese Dokumente weder verstanden noch ausgewertet werden können. Diese wesentliche Aufgabe lässt Archivarinnen und Archivare zu Sachwaltern organisch gewachsener Information werden.
Die archivischen Bedürfnisse der Gegenwart lassen die Anforderungen nahezu ins Unermessliche wachsen: Die Erweiterung der Kompetenzen und Aufgaben moderner Verwaltungen haben zu einer spürbaren Diversifikation und Technisierung der Aktenproduktion geführt. Archivarinnen und Archivare müssen nun auch in der Lage sein, Bestände, die sie übernehmen wollen, nach deren Informationsgehalt hin zu bewerten und sicherzustellen. Von Ingenieurplänen bis zu chemischen Analysen, von elektronisch erfassten Daten bis zu juristischen und medizinischen Dossiers, setzen aktuelle Unterlagen breite Fachkenntnis voraus. Beherrschen Archivarinnen und Archivare diese Gebiete ungenügend, so sollten sie wenigstens wissen, an welche Fachleute sie sich zu wenden haben, um nach bestem Wissen und Gewissen eine zutreffende Bewertung des anvertrauten Materials vornehmen zu können. Vor allem scheint es sehr wichtig, mit den aktenproduzierenden Stellen ein auf Vertrauen beruhendes Beziehungsnetz aufzubauen, damit die Übergabe von Unterlagen an das Archiv sach- und fachgerecht erfolgen kann. Dazu müssen Archivarinnen und Archivare einen breiten Katalog von Fragen aller Art beantworten können, Fragen, die eben nicht mehr nur juristischer oder historischer Natur sind. In einer Zeit, in welcher das Bedürfnis nach Informationen und bestmöglicher Transparenz sowohl das Amtsgeheimnis wie den Persönlichkeitsschutz tangieren, müssen Archivarin und Archivar manchmal divergierende Interessen abwägen. Ein wesentliches Hilfsmittel hiezu sind berufsspezifische ethische Normen, die neuerdings auch für den Archivarsberuf geschaffen worden sind.
Im rein konservatorischen Bereich müssen Archivarinnen und Archivare ebenfalls neuen Anforderungen gerecht werden. Die Aufbewahrung und Sicherung des Archivgutes unter optimalen Bedingungen war schon immer eine der archivarischen Grundaufgaben. Bauliche Massnahmen gegen Einbruch, Feuer, Umweltkatastrophen usw. bis zum Aufstellen von Mäusefallen, dem Verbot, Akten überhaupt auszuleihen oder im Archiv bei Kerzenlicht zu arbeiten, sind alte Formen archivarischer Vorsichtsmassnahmen. Pergamente und Hadernpapiere bereiten unter günstigen Lagerungsbedingungen wenig augenscheinliche Probleme. Bei modernen Datenträgern wie den mit chemischen Zusätzen industriell gefertigten Papieren, audiovisuellen Trägern und elektronisch gespeicherten Informationen sind hingegen immer noch grosse Vorbehalte anzubringen. Ihre Aufbewahrung, und in zunehmendem Masse ihre Restaurierung, stellen Archivarinnen und Archivare vor Probleme und Entscheidungen, die sie meist nicht mehr allein lösen können. Hier ist ein Support von Personen mit Spezialkenntnissen, seien diese Restauratoren oder Informatiker, unerlässlich.
Anforderungsprofil und Berufsbildung
Die ersten schweizerischen Archivare, die sich verbandsmässig zusammenschlossen, waren der Bundesarchivar, Kantonsarchivare und Angestellte bei kirchlichen Institutionen. Dies ist heute ganz anders. Das Berufsfeld hat sich enorm ausgeweitet. Archivarinnen und Archivare von Gemeinden, Unternehmungen, Vereinen, Verbänden, wissenschaftlichen Forschungsstellen usw. haben vor allem seit dem zweiten Weltkrieg das Berufsspektrum erweitert und verstärkt. Auch das Arbeitsumfeld hat sich verändert.
Arbeiteten Archivarinnen und Archivare bislang oft isoliert, so werden heute neue Bedürfnisse inbezug auf Aus- und Weiterbildung, berufliche Zusammenarbeit und fachlichen Austausch erwartet. Die Vielfalt der Institutionen, die Archivarinnen und Archivare benötigen, führt konsequenterweise auch zu einer breiteren Skala der Arbeitsgebiete. In der Schweiz sind öffentliche oder private Institutionen mit ein oder zwei Stellen immer noch häufig anzutreffen. Hier ist der Archivar, die Archivarin noch ein echter Generalist bzw. eine Generalistin. In personell besser dotierten Institutionen ist hingegen festzustellen, dass Archivarinnen und Archivare eine merkliche Tendenz zur Spezialisierung zeigen. Je nach Pflichtenheft, persönlichen Interessen und Neigungen ist dieses Erscheinungsbild in thematisch orientierten Institutionen (Literatur-, Architekturarchive usw.) noch ausgeprägter.
Ob Generalist oder Spezialist, Archivar und Archivarin müssen sich auf verschiedenartige Situationen einstellen können und anpassungsfähig sein. Eingefahrene Routine bringt immer weniger. Wissen und Erfahrung eignet man sich im Laufe der Zeit wohl an. Die beruflichen Anforderungen zwingen aber zu einer andauernden Weiterbildung. In- und ausländische Fachliteratur, Fach- und Arbeitstagungen, Workshops, spezielle Arbeitsgruppen usw. bieten sich an. Der VSA hat in den letzten Jahren diesbezüglich sein Angebot massiv ausgeweitet.
Die neuen beruflichen Anforderungen haben den VSA bewogen, sich auch in der Basisausbildung zu engagieren. Die meisten Archivarinnen und Archivare in leitender Stellung kommen von einer Universität, an der sie in der Regel einen geisteswissenschaftlichen Ausbildungsgang zurückgelegt und ihre Studien mit einem Lizentiat oder mit einem Doktorat in Geschichte abgeschlossen haben. Den Archivarsberuf erlernen sie anschliessend schrittweise, nicht selten in einer improvisierten Anlehre. Der Einführungskurs des VSA und die anderen erwähnten Angebote nehmen daher in der beruflichen Aus- und Weiterbildung einen hohen Stellenwert ein. Das Angebot hat sich zwar bewährt, doch stösst es aus verschiedenen Gründen an Grenzen. Insbesondere im Bereich der theoretischen Ausbildung haben sich in den letzten Jahren Neuerungen aufgedrängt.
Hiezu ist ein drei Stufen umfassendes Konzept entworfen worden: Es berücksichtigt die Bedürfnisse von zukünftigen Archivarinnen und Archivaren in allen archivspezifischen Bereichen. Die erste Stufe dieser Ausbildung (die Lehre) wie auch die zweite Stufe (spezialisierte Fachhochschule/ HES) werden sogenannte "Informationsassistenten" und "Informations- und Dokumentationsspezialisten" ausbilden, Personen, die im Bereich Archive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen arbeiten werden. Die dritte Stufe, deren Modalitäten noch zu regeln sind, wird der Ausbildung der höheren Kader dienen, die ausgehend von ihrem vorangehenden Studium der Geschichte, der Rechtswissenschaften, der Architektur oder der Physik von einer spezialisierten Weiterbildung werden Gebrauch machen können. Die Ausbildungsgänge der ersten und zweiten Stufe entsprechen den Anforderungen des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit. Der Berufsabschluss wird gesamtschweizerisch und auch vom Ausland offiziell anerkannt werden.
Verwaltung und Kommunikation beherrschen
Die Ausbildung soll dazu beitragen, aus Archivarinnen und Archivaren effiziente Kommunikatoren zu machen. Ob sie es nämlich wollen oder nicht, jeder Archivar, jede Archivarin sollte heute Managerqualitäten haben. Dies gilt sowohl für kleinere wie grössere Archive. In grösseren Archiven stehen eigentliche Fragen der Mitarbeiterführung, -betreuung und -motivierung an. Die leitenden Archivarinnen und Archivare werden vermehrt zielorientiert arbeiten; innerhalb des Mitarbeiterstabes sollte auf ein gewisses Gleichgewicht der beruflichen Fähigkeiten geachtet werden. Auf die Bedeutung einer permanenten Aus- und Weiterbildung ist schon hingewiesen worden.
Mit den Fragen von Budget und Krediten dürften Archivarinnen und Archivare aller Archivgattungen konfrontiert sein. Ein Ausgleich zwischen der Erfüllung des Archivauftrags und den zur Verfügung stehenden Mitteln dürfte in nächster Zukunft noch schwieriger werden. Gleichwohl ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass mit dem Einsatz und Ausbau der technischen Infrastrukturen auch der Finanzbedarf der Archive wächst. Der Aufwand für die Sicherstellung der technischen Infrastrukturen, für die Sicherung elektronischer Daten, die maschinellen Einrichtungen im Bereich der Reprographie, die unerlässliche Schutz- und Sicherheitsverfilmung, für die Aufbewahrung des Schriftgutes generell, dürfte inskünftig nicht weniger, sondern mehr Mittel beanspruchen.
Jeder Archivar ist, unabhängig vom hierarchischen Rang, mehr oder weniger ein Geschäftsführer:
Übernehmen, Organisieren, Ordnen, Bewerten, Aufbewahren, Beschreiben und Kommentieren, Bereitstellen des Archivgutes erfordern die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, Ziele klar zu bestimmen und eine Arbeit zu planen, die von ihrem Wesen her langfristig angelegt ist.
Kommunikation ist heutzutage ein integrierender Bestandteil der Archivarbeit: Man kann sich nicht mehr damit begnügen, passiv auf Archivbenutzerinnen und -benutzer zu warten. Um sich bekannt zu machen, um von den zuständigen Behörden die notwendigen und wachsenden Mittel zur Erledigung des Auftrages zu erhalten, um der Öffentlichkeit Rechenschaft über archivische Tätigkeit ablegen zu können, müssen Archivarinnen und Archivare in der Lage sein, wirksame Werbestrategien zu entwickeln. Seit geraumer Zeit organisieren Archive Ausstellungen und bieten dem an Geschichte interessierten Publikum Vorträge an. Neue Formen der Kommunikation bieten sich an:
- Tage der "offenen Türen" geben Kulturinteressierten wie auch dem neugierigen Publikum die Möglichkeit, Archive von innen zu erleben und zu entdecken.
- Dezentralisierte Ausstellungen anlässlich eines Ortsereignisses oder an einem öffentlichen Ort (im Einkaufzentrum beispielsweise) sprechen ein Publikum an, das wohl kaum von sich aus ein Archiv aufsuchen würde; solche Anlässe ermöglichen Aussenstehenden, sich mit einer Archivrealität auseinanderzusetzen, indem sie z.B. wahrnehmen, dass Archivgut zugleich die Gesamtheit der Bürger wie auch jeden einzelnen betrifft.
- Einzelne Archive verstärken ihren Bekanntheitsgrad über neue Kommunikationswege (e-mail, Internet), über welche die Archivwelt informatikorientierten Personen vermittelt werden kann.
Archivarinnen/Archivare und ihre Vernetzungen
Das althergebrachte und traditionelle Bild des Archivars, "handgestrickt" arbeitend und vereinsamt, verschanzt in seinem Depot, gehört endgültig der Vergangenheit an. Die Vielfalt und die Verschiedenartigkeit der zu bewältigenden Aufgaben erfordert Neugierde und geistige Beweglichkeit. Die Beschäftigung mit Fachliteratur, der Austausch von Fachwissen mit Berufskolleginnen und Kollegen, auch anderer verwandter Berufsgattungen, ist unerlässlich. Unermüdlich auf der Suche nach neuen und sachgemässen Informationen, nach Erweiterung und Überprüfung der theoretischen und praktischen Kenntnisse, im Vergleich eigener Projekte und Realisierungen mit denen anderer Archive: eine reiche Palette berufsspezifischer Kontakt- und Beschäftigungsmöglichkeiten.
Internationale Zusammenarbeit
Schon seit einigen Jahrzehnten wird solchen Anliegen im In- und Ausland durch regelmässigen Austausch von Informationen und Zusammenarbeit Rechnung getragen. Neben persönlichen Kontakten, die im Verlaufe der Zeit entstanden sind, haben sich Archivarinnen und Archivare in Berufsverbänden organisiert. Auf internationaler Ebene sind die Aktivitäten des Internationalen Archivrats in verschiedener Hinsicht beispielhaft. Dieser ist auf der ganzen Welt präsent und bietet der Archivarengemeinschaft Gelegenheiten zu Erfahrungsaustausch, Mitgliederausbildung, Planung und Entwicklung gezielter Vorhaben und Projekte, Förderung von Normen und Richtlinien usw. In zahlreichen Ländern gibt es nationale Archivarenvereinigungen, wie z.B. den Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA). In den letzten Jahren sind auch grenzüberschreitende Gruppierungen entstanden. Eine andere Form der Kommunikation ist das Internet. Es ermöglicht einen erleichterten und rascheren Austausch von beruflichen Informationen.
Alle diese Initiativen tendieren in die gleiche Richtung: die Beziehungen intensivieren, eine Identität schaffen, Kenntnisse vertiefen. Das Mitteilen und der Austausch von Informationen sind unentbehrliche Elemente für die Archivwelt wie auch für die Zukunft des Berufsstandes. Es kommt leider allzu oft vor, dass Ergebnisse von Versuchen oder Pilotprojekten, die Vergleichsmöglichkeiten und Antworten auf neue Fragen beinhalten, unzugänglich und verborgen bleiben.
Der Ausbau und die Entwicklung technischer Infrastrukturen in den Archiven ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Fotolabors, Restaurationsateliers, Mikrofilmanlagen verlangen beträchtliche Investitionen, die oft an die Grenzen der Finanzierbarkeit öffentlicher oder privater Institutionen stossen. In solchen Fällen gilt es, Partnerschaften wie z.B. mit der Schweizerischen Interessengemeinschaft zur Erhaltung von Graphik und Schriftgut (SIGEGS) anzustreben, die es auch kleineren Institutionen ermöglichen, das ihnen anvertraute Erbe sachgerecht zu pflegen. Andere Massnahmen (wie zum Beispiel die Massenentsäuerung oder die Lyophilisation von Schriftgut) bedürfen eines hochspezialisierten Instrumentariums und sind nur noch in nationaler, wenn nicht internationaler Zusammenarbeit zu verwirklichen.
Die sichere Aufbewahrung ihrer Bestände ist ein Bereich, in dem seit langer Zeit eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen verwandten Berufsgattungen wie Bibliothekaren und Dokumentalisten besteht. Dasselbe gilt für die Mikroverfilmung allgemein inbezug auf sämtliche Aspekte der Bewahrung des kulturellen Erbes. Diese Kontakte unter Spezialisten der Information und Dokumentation sollten den wichtigen Beitrag der Benutzerinnen und Benutzer mit ihren Fragen und Wünschen nicht vergessen lassen: Sie sind nicht selten Anlass zu wichtigen und wegweisenden Überlegungen.
Archivarinnen und Archivare werden von besonderen Problemen oft völlig unvorbereitet getroffen. Die fachlichen Kompetenzen von Kolleginnen und Kollegen sollten daher noch besser bekannt gemacht und von Zeit zu Zeit in Form von Publikationen und Expertisen auch in Anspruch genommen werden. Die Idee eines "Kompetenzpools" der Spezialisten und Spezialistinnen sollte gefördert werden.
Das Gedächtnis kennt keine Grenzen. Es zu bewahren und zu pflegen setzt den festen Willen voraus, die Solidarität zu fördern, Kenntnisse und Erfahrungen zusammenzutragen und sichtbar werden zu lassen. Damit könnte das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer dynamischen archivarischen Berufswelt verstärkt werden, welche geeint ist durch einen Schatz theoretischer und praktischer Kenntnisse und Fähigkeiten - jenseits der nationalen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Trennlinien.
last update: 12.07.2005last edited: 12.07.2005
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