Thomas Ehrsam, Urs Kälin, Spezialarchive und PrivatarchivePrint Button

 

Die (nichtstaatliche) Archivlandschaft der Schweiz reicht von Wirtschafts-, Verbands-, Firmen-, Universitäts- und Medienarchiven bis hin zu Archiven für Literatur, Kunst und Wissenschaft. Sie alle unterscheiden sich von den staatlichen Archiven (Bundesarchiv, Staatsarchive, Korporations- und Kommunalarchive usw.) nicht primär über die Form der Trägerschaft, die zwischen den Polen rein staatlicher und rein privater Trägerschaft vielfältige Mischformen annehmen kann, sondern durch inhaltliche und funktionale Kriterien.

 

Anders als die staatlichen Archive sind sie in der Regel nicht einer öffentlichen Verwaltung zugeordnet, deren Akten sie im Rahmen der Ablieferungspflicht übernehmen müssen; sie konzentrieren sich vielmehr auf die Sicherung und Erfassung des nichtstaatlichen Archivguts.

 

Daraus resultiert eine grössere Freiheit, nur dasjenige Material zu übernehmen, das sich in das thematische Sammelgebiet einfügt und aus diesem Grund speziell interessiert. Dieser Grundsatz gilt selbst dann, wenn nichtstaatliche Archive einer Partei, einem Verband oder einer anderen Körperschaft als Ablieferungsarchiv dienen; auch hier haben sie die Verpflichtung zur Aktenübernahme in der Regel freiwillig als einen wesentlichen Bestandteil ihrer Aufgaben und nicht als Daseinszweck übernommen. Eine Ausnahme bilden allerdings Firmen- oder Universitätsarchive, die zum Zweck der Sicherstellung der historischen Überlieferung gegründet wurden.

 

Kehrseite der grösseren Freiheit ist freilich die oft unsichere Finanzierung. Nichtstaatliche Archive sind deshalb in besonderem Masse gefordert, ihre Position im Wissenschaftsbetrieb sowie innerhalb des Informations- und Dokumentationswesens kontinuierlich zu überdenken und zu behaupten, bezüglich der thematischen Schwerpunkte ein spezifisches Profil und adäquate Finanzierungsmodelle zu entwickeln (inkl. Drittmittelakquirierung).

 

Spezialitäten

 

Das typische Archivgut der nichtstaatlichen Archive besteht einerseits aus Beständen von Organisationen, die selbst kein eigenes Archiv unterhalten können oder wollen, und andererseits aus Privatnachlässen. Als Aufbewahrungsort von Nachlässen, vor allem aus den Gebieten Wissenschaft und Kultur, sind auch die Handschriftenabteilungen der grossen Bibliotheken zu nennen. Die Bedeutung der nichtstaatlichen Archive liegt in erster Linie darin, dass sie neben den staatlichen Archiven eine wichtige Komplementäraufgabe erfüllen. Nicht selten kann hier historisch wertvolles Schrift-, Bild- und Tongut vor definitivem Verlust gerettet werden.

 

Darüber hinaus bieten die nichtstaatlichen Archive jenen Körperschaften und Einzelpersonen eine Alternative, die ihr Material aus politischen oder privaten Gründen nicht einem staatlichen Archiv übergeben wollen. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass sich thematisch spezialisierte Archive gewissen Einzelbeständen in einer Weise annehmen können, wie das in grossen Archiven nicht immer möglich ist.

 

Vielseitiges Aufgabenspektrum

 

Die Geschichte der nichtstaatlichen Archive in der Schweiz beginnt im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Die ältesten Institutionen in diesem Bereich - das Schweizerische Sozialarchiv in Zürich (gegr. 1906) und das Schweizerische Wirtschaftsarchiv in Basel (gegr. 1910) - lehnten sich stark an französische und deutsche Vorbilder an.

 

Während anfänglich die Hauptaufgabe in der Beschaffung und Sicherstellung des Sammelgutes bestand, wurde später die bessere Nutzbarmachung und die professionelle Erschliessung des Materials zum vordringlichen Anliegen. Neben der Funktion als Aufbewahrungsort für Quellen zu einem mehr oder weniger breit gefassten Spezialbereich (soziale Frage, Wirtschaftsleben, Zeitgeschichte, Frauengeschichte, Firmen-, Parteigeschichte, Persönlichkeiten usw.) sind vor allem für die grösseren nichtstaatlichen Archive die Vermittlung von Wissen an die interessierte Öffentlichkeit sowie Aktivitäten in den Bereichen Lehre und Forschung von Bedeutung. Dies gilt beispielsweise auch für das 1973 an der ETH Zürich gegründete Archiv für Zeitgeschichte sowie für das Gosteli-Archiv in Worblaufen (gegr.1982), das sich der Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung widmet.

 

Aus der gestellten Aufgabe heraus bieten die Archivabteilungen dieser Institutionen zum Teil auch Dokumentations- und Informationsdienste an. Wo dies der Fall ist, werden zu den Schwerpunktthemen auch gedruckte Materialien wie Broschüren, Flugschriften, Flugblätter, Periodika, Zeitungsausschnitte und Monographien systematisch gesammelt.

 

Die Bestände der nichtstaatlichen Archive haben mit dem Aufschwung der Sozialwissenschaften, mit der sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Neuausrichtung der historischen Forschung und schliesslich mit dem Interesse der Geschichte am täglichen Leben kleiner Leute an Bedeutung gewonnen. Insgesamt stellen die nichtstaatlichen Archive eine wesentliche Ergänzung des schweizerischen Archivwesens dar; sie schliessen empfindliche Lücken und halten die Archivlandschaft belebt und lebendig.

last update: 15.08.2005Go to top

last edited: 15.08.2005