Ursula Jecklin, Stadt-, Gemeinde- und TalarchivePrint Button

 

In der Schweiz ist die Gemeindehoheit noch stark verankert, und so führen denn auch fast alle Städte und Gemeinden eigene Archive mit wichtigem und zum Teil umfangreichem Quellenmaterial zur Geschichte und Entwicklung ihrer Kommune.

 

Die Bestände der einzelnen Archive können sich in Umfang und zeitlicher Dimension beträchtlich voneinander unterscheiden. In der Regel finden sich in den Stadt- und Gemeindearchiven jedoch Quellenmaterial aus der Zeit vor 1798 (Urkunden, Ratsprotokolle, Ämterbücher, Urbarien, Steuerverzeichnisse, Stadtrechnungen, Bürgerlisten u.a.m.), Dokumente und Akten aus der Zeit der Munizipalität (1798-1803) sowie solche, die nach 1803 entstanden sind. Das Archivgut aus der Verwaltung - auch auf Tonträger und Mikrofichen - reicht dabei zum Teil bis in neuere und neueste Zeit.

 

Als besonders interessant können sich zudem die Nebenfonds der Kommunalarchive erweisen, denn häufig verwalten diese auch das Quellenmaterial aufgehobener Klöster auf Stadtgebiet, das Archiv der Kirche, das Zunftarchiv, Bau- und Katasterpläne, Firmen-, Vereins- und Parteienarchive, Nachlässe sowie die Archive aufgehobener Gemeinden. Ebenfalls betreuen sie Sammlungen etwa von Fotos, Bildern, Stichen, Plänen, Siegeln, Zeitungsausschnitten, Daten zu den Bauten auf Stadtgebiet, amtliche Druckschriften.

 

Allerdings gibt es Archive, deren Bestände - von kleineren Ausnahmen abgesehen - erst mit 1798 oder im 19. Jahrhundert beginnen. Dies gilt gerade auch für einzelne Kantonshauptstädte, da die Archive der ehemaligen Stadtstaaten bis zur Trennung von Kanton und Stadt meist als Stadt- und Staatsarchive zugleich dienten, wie es heute noch in Basel der Fall ist.

 

So befinden sich denn z. B. auch die Zunftarchive der Städte Zürich oder Schaffhausen vor allem im Staatsarchiv.

 

In verschiedenen Gemeinden der Kantone Bern, Zug, Thurgau oder St.Gallen werden die Bestände bis ins 19. Jahrhundert von der Bürgergemeinde verwaltet; in den meisten Städten führt die politische Gemeinde daneben noch ein eigenes Archiv mit dem Schriftgut seit der Trennung von Bürgergemeinde und Einwohnergemeinde. Auch in der Stadt St.Gallen gibt es zwei Stadtarchive, zum einen das Stadtarchiv (Vadiana), eine Institution der Ortsbürgergemeinde, zum anderen das Archiv der politischen Gemeinde mit Dokumenten und Akten seit Beginn des 19. Jahrhunderts sowie vor allem mit dem Archiv der verschiedenen städtischen Verwaltungszweige.

 

Wie seit Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen Bund und Kantonen eine kontinuierliche Gewichtsverlagerung zu Gunsten des Bundes stattfand, so dass Quellen zu bestimmten Aspekten der schweizerischen Geschichte vermehrt im Bundesarchiv zu suchen sind, so geschah in verschiedenen Kantonen Ähnliches zwischen den Gemeinden und den Kantonen.

 

Im Stadtarchiv Chur z. B. enden die Gerichtsprotokolle mit dem Übergang der Rechtssprechung an den Kreis beziehungsweise den Kanton Graubünden um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist also unter Umständen möglich, dass Quellen aus jüngerer Zeit nicht mehr in den Stadt- oder Gemeindearchiven zu suchen sind, sondern im Staatsarchiv des jeweiligen Kantons.

 

Andererseits finden sich verschiedene Akten von unmittelbarster Bedeutung zunehmend nur noch in Gemeindearchiven, wie in den Bereichen Bauplanung, Baupolizei, Gewässerschutz, Kanalisation, Strassen, Wasserversorgung, Entsorgung.

 

So bleiben die Stadt- und Gemeindearchive ein wichtiger Archivtyp, der nicht nur für die Ortsgeschichte, sondern auch für Studien zur Mentalitätsgeschichte, zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, zur Geschichte der Zivilisation oder zum Alltagsleben zur wahren Fundgrube werden kann.

last update: 15.08.2005Go to top

last edited: 15.08.2005