Marco Poncioni: Die Betreuung der Ortsarchive im Kanton TessinPrint Button

Die Geschichte der Tessiner Archive beginnt im 12. Jahrhundert mit ersten lokalen Zeugnissen der Existenz der Dorfgemeinschaften und der Behauptung ihrer relativen Unabhängigkeit. Es ist schwer einzuschätzen, wieviele Gemeinden und entsprechende Archive es zu jener Zeit gab. Auf jeden Fall waren sie viel weniger zahlreich als heute, da seit dem Spätmittelalter tendenziell ein Zuwachs festzustellen ist.

 

In einer ersten Phase, in der Zeit vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, nahm ihre Anzahl zunächst allmählich zu, entsprechend den aufeinanderfolgenden Aufspaltungen grösserer, zwei, fünf, zehn Ortschaften umfassender Gemeinden und Gemeinschaften. Es handelt sich hier um einen zentrifugalen Prozess, der mit der demographischen Entwicklung in Verbindung zu setzen ist und dessen Höhepunkt ins 17. und 18. Jahrhundert fällt.

 

Neue politisch-institutionelle Strukturen

 

Im Laufe des 19. Jahrhunderts, nach der Gründung des Kantons Tessin, nahm dann die Anzahl der Gebietskörperschaften wiederum zu. Vorerst verdoppelte sie sich nahezu infolge der 1835 durchgesetzten Einführung des Gemeindedualismus: Der alten Ortsbürgergemeinde (terra oder vicinanza, seit 1798 patriziato genannt) wurde nach einer heftigen Debatte im Grossen Rat die moderne Einwohnergemeinde (comune politico), an die Seite gestellt. Seit 1886 vermehrten sich die lokalen Körperschaften nochmals um die Hälfte, da den Pfarreien, die vorher von den Gemeinden verwaltet wurden, eine eigene Rechtspersönlichkeit verliehen wurde.

 

Die politisch-institutionelle Struktur, die wir heute noch kennen, stammt also aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Sie ist durch die Dreiheit Einwohnergemeinde, Ortsbürgergemeinde und Pfarrgemeinde und folglich durch eine Vielzahl lokaler Verwaltungen charakterisiert (im Durchschnitt eine auf 450 Einwohner).

 

Quellen für neue Forschungen

 

Der extremen institutionellen Zersplitterung entspricht eine sehr dichte, bewegte Archivlandschaft mit mehr als 600 Ortsarchiven, deren Umfang von den 2 bis 3 Laufmetern des kleinen Pfarreiarchivs bis zu den 1000 bis 2000 Laufmetern der Stadtgemeinden reicht. Um sich ihrer Bedeutung bewusst zu werden, muss man die Anzahl der von ihnen aufbewahrten Dokumente summieren: Trotz der grossen Verluste im Laufe der Jahrhunderte bewahren diese Archive insgesamt mehr als 7000 mittelalterliche Pergamenturkunden, 200'000 Papierdokumente aus der Zeit der Gemeinen Herrschaften (16.-18. Jh.), 2 Millionen Dokumente aus dem 19. Jahrhundert und etwa 30 km Akten aus dem 20. Jahrhundert auf.

 

Es handelt sich um zum grossen Teil noch unerforschtes Aktengut, das eine wertvolle Ergänzung zu den Beständen grösserer Archive darstellt und deren Lücken schliesst, vor allem für die Zeit vor der Existenz des Kantons. Es sind ausgezeichnete Quellen für die Geschichte des Alltags, der Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

 

Grosser Betreuungsbedarf

 

Trotz ihrer kulturellen Bedeutung befinden sich die kleineren Archive immer noch in einem besorgniserregenden Zustand des Zerfalls. Mindestens 60 Prozent des Aktenbestandes ist durch Brände, Erdrutsche und Überschwemmungen, vor allem aber durch die schlechten Aufbewahrungsbedingungen, den Archivalienhandel und die bewusste, willentliche Beseitigung verloren gegangen. Bei einer Bestandesaufnahme im Jahr1994 zeigte sich, dass nur 14 Prozent der Archive geordnet und mit Inventaren versehen sind, die restlichen 86 Prozent sind teilweise (38%) oder ganz (48%) ungeordnet.

 

Es gibt hauptsächlich zwei Ursachen dafür. Die erste ist psychologischer Natur und generell ein Problem aller Archive: Im Unterschied zu den bevorzugteren Kulturgütern (architektonischer, kunstgeschichtlicher oder musealer Art), sind Archive auf Grund ihrer Natur für die Mehrheit der Bevölkerung unzugänglich; die in ihnen enthaltenen Zeugnisse müssen zuerst durch Archivare, dann durch Forscher vermittelt werden. Diese strukturbedingte "Publikumsferne" erzeugt eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Archiven und löst wenig Begeisterung auf politischer Ebene aus, wenn es um die Bereitstellung von Mitteln für ihre Erhaltung geht.

 

Der zweite Grund ist eher praktischer Natur und betrifft vor allem die kleineren Archive. Nur wenige Gebietskörperschaften im Tessin haben genügend finanzielle Mittel und Archivbestände einer Grösse, welche die Anstellung eines Archivars oder einer Archivarin rechtfertigen würden. Auch wenn bei den Körperschaften Sinn für das historische Erbe besteht, sehen sie sich ausserstande, qualifiziertes Personal zu finden, das die Akten in zeitlich begrenzten Einsätzen ordnen könnte.

 

Solche Zustände sind nicht nur im Tessin, sondern auch in anderen Schweizer Kantonen und europäischen Regionen anzutreffen. Es wird eine Vielzahl von Lösungsstrategien angewandt. Im allgemeinen liegt eine Lösung sehr nahe, d.h. der Auftrag wird an die Staatsarchive weitergegeben. Personal der Staatsarchive wird in kleinere Archive geschickt, oder die Bestände werden übernommen.

 

Im Tessin versuchte man den Weg der Übernahme einzuschlagen. So wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts mehrmals Kampagnen lanciert, um die im Kanton verstreuten "historischen Dokumente" in Bellinzona zu sammeln. Ohne hier auf die Details dieser Initiativen einzugehen, kann man sie als gescheitert bezeichnen. Ins Staatsarchiv gelangten wenige Bruchstücke von Aktenbeständen, wahllos getrennt von den übrigen Unterlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch aus logistischen Gründen auf den Weg der Zentralisierung verzichtet.

 

Angesichts des chronischen Personalmangels wurde die Möglichkeit, Archivpersonal in die Gemeinden zu schicken, nie in Erwägung gezogen. Es wurde dagegen eine eher neue Art des Einsatzes versucht, die es dem Staats archiv erlaubte, das Ordnen der Akten zu kontrollieren und so die methodische Genauigkeit der Arbeiten zu gewährleisten, ohne jedoch die Gesamtheit der Kosten übernehmen zu müssen.

 

Die Tessiner Lösung

 

Zur Durchführung dieser Kompromisslösung wurde im Staatsarchiv eine Dienstleistungsstelle für Orts archive (Servizio archivi locali) eingerichtet. Diese Ende 1990 gegründete Stelle hat die Aufgabe, die notwen digen Massnahmen zur Erhaltung und zur Erschliessung der Akten in den kleineren Tessiner Archiven zu ergreifen.

 

Zu diesem Zweck arbeitet sie auf zwei Ebenen. Einerseits übernimmt sie jene ohnehin in der Zuständigkeit des Staatsarchivs liegenden und voll ständig vom Kanton finanzierten Aufgaben: Sichtung und Bestandesaufnahme der Archive, Unterstützungseinsätze in dringendsten Fällen, Herausgabe von Quellentexten, Beratung für Forschende.

 

Der grösste Einsatz der Dienstleistungsstelle gilt aber den Ordnungsarbei ten in den Ortsarchiven; diese Arbeit wird vom Personal des Staatsarchivs übernommen, finanziert wird sie aber hauptsächlich durch die Archivbesitzer. Letztere sind verpflichtet, die Kosten des für die Ordnungsarbeiten eingesetzten Personals zu decken, während der Kanton die Betriebskosten übernimmt und so der Dienststelle ermöglicht, relativ tiefe Tarife zu verrechnen.

 

Die Ordnungsarbeiten in den Ortsarchiven werden folglich nicht vom Staatsarchiv geplant, sondern auf Initiative der Gemeinden, welche die Hilfe des Servizio anfordern können, sofern sie das Ordnen ihrer Akten in Angriff nehmen wollen.

 

An der Struktur des Servizio zeigt sich das dahinter stehende flexible Einsatzkonzept. Der Stellenplan für das festangestellte Personal ist einer der kleinsten der kantonalen Verwaltung und auf zwei Einheiten beschränkt: eine Kernmannschaft, welche die "nicht rentablen" Aufgaben des Servizio übernimmt und sich um die Organisation und Leitung der Ordnungsarbeiten kümmert. Zusätzlich zu dieser Kernmannschaft ist eine veränderliche Anzahl Archivarinnen und Archivare tätig. Es wird ihnen je nach Menge der anfallenden Arbeit ein Auftrag erteilt. Nach einer internen Weiterbildung beschäftigen sie sich vor allem mit dem Ordnen der Archive. Da ihre Arbeitsleistungen den Auftraggebern in Rechnung gestellt werden, arbeiten sie nach einer bestimmten Einlaufzeit kostendeckend.

 

Eine attraktive Strategie

 

Obwohl man 1990 noch nicht von New Public Management sprach, übernahm das Servizio bereits zu Beginn seiner Tätigkeit einige Vorgehensweisen mit privatwirtschaftlichem Charakter: Es fakturiert zum Teil seine Dienstleistungen, ist von der Nachfrage abhängig, muss Verträge und Liefertermine einhalten. Dieser modus operandi hat bisher mehr Vor- als Nachteile gebracht. Die Verrechnung der Dienstleistungen an Dritte erlaubt nicht nur, einen bescheidenen Beitrag zur Eindämmung der kantonalen Ausgaben zu leisten; sie zwingt dazu, die Produktivität der Arbeit dauernd zu kontrollieren und einen Ausgleich zwischen Kosten und Qualität des Einsatzes zu suchen. Es wird so verhindert, dass allzu ehrgeizige Projekte durchgeführt werden, die dazu neigen, sich auf Grund einer wirklichen oder angenommenen Wissenschaftlichkeit ewig fortzusetzen. Die Tatsache, dass sich die Gebietsverwaltungen an den Kosten der Ordnungsarbeiten beteiligen müssen, hat eine verantwortungsfördernde Wirkung, da die Verwaltungen der Sicherung ihres Archivgutes sicher mehr Aufmerksamkeit schenken, nachdem sie auch erhebliche Summen dafür ausgegeben haben.

 

Über dem Erfolg dieser Strategie schwebt natürlich das Damoklesschwert der Nachfrage, denn in diesem speziellen Fall steht sie proportional zur Sensibilität der Gebietskörperschaften für ihre Geschichte. In den ersten fünf Jahren haben sowohl Sensibilität wie Nachfrage alle Erwartungen übertroffen. Eher die Arbeitsüberlastung als die fehlende Arbeit war ein Problem.

 

Von 1991 bis 1996 wurden Ordnungsarbeiten in 48 mittleren und grossen Ortsarchiven zu Ende gebracht, 6997 Akten aus dem Mittelalter und aus der Zeit der Gemeinen Herrschaften klassifiziert (von 2860 wurde ein Regest erstellt), ebenso 699'300 Dokumente der Zeit zwischen 1798 und 1945, 33'498 Aktenbündel aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, 8380 Bücher und Register des 16. bis 20. Jahrhunderts.

 

Bis anhin erwies sich die Verbindung von Klio und Merkur als fruchtbar. Wenn dieses vornehme Paar uns weiterhin behilflich sein wird, ist ein künftiger Ausbau des Servizio und das Erreichen des Hauptziels, alle Tessiner Ortsarchive innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre zu ordnen, nicht mehr auszuschliessen.

last update: 12.07.2005Go to top

last edited: 12.07.2005