
date/time: 12.07.2005 15:16
http://www.vsa-aas.org/Waelchli-Benutzerschaft.232.0.html
Die Archivlandschaft in der Schweiz ist geprägt durch eine grosse Vielfalt der Archive, sowohl was ihren Umfang, ihre personelle und materielle Infrastruktur als auch ihren Aufgabenbereich und ihre rechtlichen Grundlagen betrifft. Die folgenden Ausführungen sind aus der Sicht eines öffentlichen Archivs (Staatsarchivs) mit einer gut ausgebauten Infrastruktur verfasst.
Das Archiv als Dienststelle der Verwaltung
Von ihrer Entstehung her sind die öffentlichen Archive ein Instrument der Behörden und der Verwaltung desjenigen Gemeinwesens, dessen Archivalien sie betreuen. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galten die Archivbestände grundsätzlich als Geheimsache, weil ja auch die Staatspolitik als Privileg einer Führungsschicht angesehen wurde, die noch keiner demokratischen Kontrolle unterworfen war. In einer Zeit, wo das Öffentlichkeitsprinzip das Verhältnis zwischen Volk und Behörden auf eine neue Grundlage von Transparenz und Vertrauen zu heben sucht, haben die staatlichen Instanzen das ausschliessliche Benützungsrecht verloren, aber nach wie vor sind die Archive das "Gedächtnis" von Behörden und Verwaltung: sie bewahren die Rechtstitel des Gemeinwesens (die etwa bei Grenzbereinigungen mit Nachbarn oder Subventionsfällen plötzliche Aktualität erhalten), sie dienen der Rechtssicherheit (etwa auch in der Praxis der Gerichte) und können die Entscheidfindung der Behörden beeinflussen (etwa wenn es gilt, Argumente auszuleuchten, die bei früheren Entscheiden massgebend waren).
Es liegt auf der Hand, dass die enge Zusammenarbeit zwischen heutiger Verwaltung und Archiv, die für die effiziente Organisation der Aktenablieferung nötig ist, auch einer reibungslosen Erfüllung der lnformationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit dient, um so mehr als - nur schon wegen der rationellen Raumbewirtschaftung in den Verwaltungsgebäuden - die Zeiten vorbei sind, wo Beamte "ihre" Archive jahrelang hüteten. In der Regel hat die Archivleitung dafür zu sorgen, dass die zuständigen Behörden in der Form von Gutachten und Berichten die gewünschte Information geliefert erhalten, während der Verwaltung das einschlägige Archivmaterial für eigene Nachforschungen zur Verfügung gestellt wird.
Das Archiv als Quelle für die Forschung
Das Verhältnis zum wissenschaftlichen Kundenkreis ist in der Regel unproblematisch. Wissenschafter - auch angehende - haben normalerweise ein klares Forschungsziel, das sie präzis zu formulieren vermögen, so dass zudienendes Material mit Hilfe der Findmittel - und eventuell mündlicher Beratung durch die Archivfachleute - rasch beigebracht werden kann. Der Lesesaal muss für die Verwendung von elektronischen Geräten ausgerüstet sein; wichtig ist ein genügendes Platzangebot, damit dem wissenschaftlichen Publikum ein kontinuierliches Arbeiten an einem fixen Arbeitsplatz möglich ist. Da heute vermehrt auch gruppenweise gearbeitet wird, sind separate Gruppenarbeitsräume verschiedener Grösse sehr erwünscht, damit die Beteiligten sich ohne Störung der übrigen Lesesaal-Kunden besprechen können. Günstig ist es natürlich auch, wenn ein Schulungsraum zur Verfügung steht, der Dozenten erlaubt, in praktischen Übungen mit Archivmaterial zu arbeiten.
Problematisch ist die aufkommende Sitte einzelner Studierender, mit Rundbriefen (samt ausführlichem Fragenkatalog) über einen Forschungsgegenstand Auskünfte zu verlangen, die eingehende Quellenstudien erübrigen sollen. Solche Auskünfte sind nur bei Anfragen aus dem entfernten Ausland zu verantworten: das persönliche Erfassen der Quellenlage ist ja wohl ein wesentlicher Teil jeder wissenschaftlichen Arbeit, die auf Archivmaterial beruht.
Die Archive und das breite Publikum
Weit mehr als die Hälfte der Mitbürgerinnen und Mitbürger ohne spezifische wissenschaftliche Vorbildung, die Archive aufsuchen, wird von genealogischen Interessen angetrieben. Diese Suche nach den "eigenen Wurzeln" ist durchaus legitim. Für die Archive ist der Andrang nur verkraftbar, wenn effiziente Arbeitsabläufe eingespielt sind: verständliche Präsentation der einschlägigen Quellen, gute Kartenunterlagen, genügende Zahl von Lesegeräten (Reader/Printer) für die Mikrofilme der meistfrequentierten Quellen (Kirchenbücher), gute Fremdsprachen-Ausbildung für das Lesesaal-Personal, besonders in Englisch, da in den USA das Interesse an den schweizerischen Vorfahren besonders gross ist. Für schriftliche Anfragen - wo Gebühren gerechtfertigt sind - Vorbereitung von Formularbriefen; enge Zusammenarbeit mit Berufsgenealogen (für eigentliche Nachforschungen), hilfreich sind - insbesondere auch für die Schulung - gute Kontakte mit lokalen Genealogisch-Heraldischen Gesellschaften.
Zunehmend ist das Interesse, von Einzelnen oder ganzen Arbeitsgruppen, die Archive aufsuchen, um für Ortsgeschichten oder Jubiläumsschriften Material zu sammeln. Hier lohnt es sich, Einführungsgespräche über die Arbeitsmethodik zu führen und auch Hilfen für das Lesen "alter Schriften" anzubieten (Kurse, Hinweise auf geeignete Lehrmittel). Im Staatsarchiv Bern werden seit Jahren entsprechende Wochenkurse für Lehrkräfte angeboten - und gut besucht. Die Berner Regierung hat in einem Leitbild-Papier formuliert: "Ziel der Kulturpflege ist es, das kulturelle Erbe so zu wahren, dass die Geschichte unseres Kantons und die kulturellen Leistungen seiner Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag erlebbar bleiben." Als öffentliche Dienststellen haben die Archive in diesem Zusammenhang eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, der sie sich nicht entziehen können. Dabei ist besonders auch der Aufbereitung von Quellengattungen, die einen "direkten Zugang" zur Vergangenheit ermöglichen (Bildquellen, historische Karten und Pläne), besonderes Augenmerk zu schenken, etwa durch das Bereitstellen von Gebrauchskopien im Lesesaal, die einen zügigen Überblick über das vorhandene Material erlauben. Ein Kunde, der den Lesesaal befriedigt verlässt, ist als Stimmbürger ein Aktivposten, wenn es über Kredite für den Ausbau der Archiveinrichtungen abzustimmen gilt!
Die Archive und die Medien
Bekanntlich interessieren sich die Medien weniger für den "courant normal" als für "Ereignisse". Wenn es gilt, dunkle Phasen in der nationalen Vergangenheit aufzuhellen, treten die Archive ins Rampenlicht, ohne dass Archivarinnen und Archivare etwas dazutun müssen! Aber es lassen sich auch medienwirksame Ereignisse "schaffen", z.B. die Eröffnung einer Ausstellung, der Abschluss einer Forschungsarbeit, die auf bisher nicht ausgewertetem Archivmaterial beruht, die Präsentation einer wohlgelungenen Restaurierungsarbeit.
Ein gutes Verhältnis zu den Medienschaffenden, die ja stets unter Zeitdruck arbeiten, lässt sich aufbauen, wenn Archive bereit sind, rasch - auf Wunsch - eine Bildquelle aufzuzeigen oder eine kurze, aber kompetente Darstellung eines historischen Faktums vorzulegen. Im Gegenzug sind dann die Medien - insbesondere die Printmedien - auch bereit, einem Artikel von Seiten des Archivs zu einem bestimmten Anlass Platz zu gewähren - sofern der Text nicht allzusehr mit Archivstaub belegt ist!
Schlussgedanken
Die Hauptaufgabe der Archivarinnen und Archivare ist und bleibt das Sammeln, Erschliessen und Bewahren der Archivbestände, für die das jeweilige Archiv zuständig ist. Die Knappheit der öffentlichen Finanzen zwingt dazu, die personellen und materiellen Ressourcen wohlüberlegt und sparsam einzusetzen. Es ist daher klug, bei allen archivinternen Entscheiden - sei es beim Erstellen von Findmitteln, bei konservatorischen Massnahmen oder bei Bibliotheksfragen - stets auch gleichzeitig die Konsequenzen für die Betreuung der Benutzerschaft - und dabei insbesondere auch des "breitern Publikums" - mit zu evaluieren. Wir haben hier eine Verpflichtung, aber auch eine Chance! Wer seit Jahren im Archivwesen tätig ist, hat die Erfahrung gemacht, dass in privaten Archiven oft interessante Dokumente lagern, die eine wertvolle Ergänzung der staatlichen Archivbestände darstellen. Wenn die "Schwellenangst" zwischen Publikum und Archiv abgebaut wird, werden oftmals Archivalien den Weg in ein öffentliches Archiv finden, die sonst der Nachwelt verloren gingen. Bürgernähe, diese stete Forderung an alle Verwaltungsleute, ist für die Archivverantwortlichen ein Prüfstein ihrer Kompetenz.
last update: 12.07.2005last edited: 12.07.2005
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