
date/time: 15.08.2005 17:19
http://www.vsa-aas.org/de/doku/archivistik-schweiz/archive-in-der-schweiz/coutaz-jubilaeum/
Gilbert Coutaz, Über das Jubiläum 75 Jahre Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (1922-1997) hinaus
Ohne Zweifel: Die Aktualität hat Archive, Archivarinnen und Archivare eingeholt. Die 1990 publik gewordene böse Geschichte der 900'000 Fichen der Bundespolizei, die Akten der an der Schweizergrenze zurückgewiesenen Juden während des Zweiten Weltkrieges wie auch die Suche nach den nachrichtenlosen Vermögen von jüdischen Menschen, die Vernehmlassung des Entwurfs eines ersten Bundesgesetzes über die Archivierung haben die Archive plötzlich in den Mittelpunkt einer historischen und politischen Auseinandersetzung gerückt; in diese Konfrontation sind Archivarinnen und Archivare auf verschiedene Weise verwickelt worden, manchmal standen sie sogar im Rampenlicht. Temperamentbedingt gaben die meisten einer unauffälligen Zurückhaltung den Vorzug.
Ein Beziehungsnetz im Wandel
Während der 75 Jahre seines Bestehens hat der Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA) eine wesentliche Wandlung erlebt; diese ist um so auffallender, weil sie sich seit Mitte der 70er Jahre bestätigt und beschleunigt hat. Der Verein war lange vom starken Profil seiner Mitglieder geprägt; er hat eine lange Beziehung mit der Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz (AGGS) gepflegt, eine Beziehung, die jetzt noch vorhanden ist, die aber gegenwärtig durch die Präsenz anderer Gesprächspartner, vor allem von Seite der Informationstechnologen, eine neue Gewichtung erhält.
Die Vereinigung schweizerischer Archivare - so hiess sie bis zur Namensänderung 1996 - wurde am 4. September 1922 von Robert Durrer, Staatsarchivar des Kantons Nidwalden und Mitglied des Komitees der AGGS, in Lenzburg gegründet. Die erste Vollversammlung in formeller Unabhängigkeit wurde 1929 in Luzern abgehalten; bis dahin hatte sie die Gastfreundschaft der AGGS genossen, die auch weiterhin bis 1972 die Veröffentlichungen des VSA aufnahm; letztere waren fast ausschliesslich auf die Beschreibung der historischen Archivbestände und Berichte über den Zuwachs auf schweizerischer Ebene ausgerichtet. Die Direktoren des Bundesarchivs, der kantonalen Archive und verschiedener kirchlicher Institutionen waren die einzigen Mitglieder der Vereinigung; diese öffnete sich erst spät und zögernd für andere Mitglieder (mit den neuen Statuten von 1974; die Statuten von 1922 waren 1941 nur unwesentlich geändert worden).
So erstaunt es nicht zu lesen, was Gustave Vaucher, damals Staatsarchivar des Kantons Genf und gleichzeitig Präsident des VSA, 1948 niederschrieb: "Unsere Vereinigung versammelt Leute, die nicht gerade durch ihre Lebhaftigkeit auffallen und die sich in corpore vor allem treffen, um freundschaftliche Beziehungen zu pflegen."
Der Zusammenhalt wurde hauptsächlich durch ein mit der Schreibmaschine angefertigtes hektografiertes Bulletin gewährleistet, welches mit dem Titel Nachrichten der Vereinigung Schweizerischer Archivare zwischen 1947 und 1974 erschien, bevor es den Platz zu Gunsten des Bulletin der Vereinigung Schweizerischer Archivare (erschienen zwischen 1975 und 1985) räumen musste; dieses Bulletin verfügte über ein qualitativ hochstehendes archivisches Niveau und enthielt eine umfangreiche und praxisbezogene bibliographische Chronik.
Ein «Kränzchen Junger Archivare»...
Nachdem er das Präsidium der Vereinigung zwischen 1953 und 1974 innegehabt hatte, überliess Bruno Meyer, Staatsarchivar des Kantons Thurgau, seinen Platz einer neuen Generation von Archivarinnen und Archivaren, die sich nun engagiert Tätigkeiten zuwandten, die hauptsächlich Bezug zur theoretischen und praktischen Archivarsausbildung, aber auch zu anderen Tätigkeitsbereichen hatten.
1979 gab der Verein die Kurzbroschüre Archive, Luxus oder Notwendigkeit. Eine Informationsschrift über Stellung und Aufgaben der Archive in der Schweiz heraus, die 1985 ein zweitesmal aufgelegt wurde. 1974, 1981 und 1997 wurden die Vereinsstatuten modifiziert, indem sie die Aufnahmekriterien für neue Mitglieder erweiterten, die Konstituierung eines leitenden Geschäftsausschusses und zusätzliche Spezialkommissionen und -arbeitsgruppen ermöglichten. Folgende Fakten belegen diese Veränderungen: 1976 zählte die Vereinigung 34 Kollektiv- und 118 Einzelmitglieder; 1980 waren es 47 Kollektiv- und 130 Einzelmitglieder; im Juni 1991 wurde die Zahl 300 überschritten. 1997 zählt der Verein 246 Einzel- und 107 Kollektivmitglieder.
Seit 1975 wurden laufend Kommissionen und Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, unter anderen die Bildungskommission, die Koordinationskommission (seit 1980), die Arbeitsgruppen für Privatarchive (1986), die Arbeitsgruppen für Medien und für Bankarchive (1989), für die Spitalarchive (1990), die AG Mikroformen (1993), die AG für die Archive der privaten Wirtschaft (1994), die AG für die Archivierung elektronischer Daten (1996). Die jüngste Arbeitsgruppe (1997) beschäftigt sich mit den kirchlichen Archiven.
Nebst der jährlichen Generalversammlung und seiner Arbeitstagung bietet der VSA seit Juni 1986 Spezialtagungen an, an denen Teilaspekte des Archivwesens vertieft werden. (Diese Tagungen sind Ersatz für den Einführungskurs, der in der Regel nur alle zwei Jahre stattfindet.) Verschiedene Fragen wurden ad hoc beantwortet: 1990/91 erarbeitete eine Archivarengruppe Empfehlungen für Bankarchive, Empfehlungen für Medienarchive, Spitalarchive sind in Arbeit. Der VSA ist seit dem Start des Projekts für ein neues Historisches Lexikon der Schweiz im Stiftungsrat vertreten. Eine Vereinigung der Stadt und Kommunalarchive wurde am 3. April 1986 in Zürich gegründet. (Die erste Jahresversammlung des VSA wurde erst 1963 von den Kommunalarchiven Schaffhausen und Stein am Rhein organisiert.) Die Vereinigungen der Archivare des Kantons Waadt und der Diözesen wurden 1996 resp. 1997 aus der Taufe gehoben; alle drei Gruppierungen sind dem VSA angegliedert.
Seit dem 18. November 1994 treffen sich die Direktoren der Kantonsarchive und des Bundesarchivs zweimal jährlich zu informellen Gesprächen. Alle diese Bestrebungen bewirken, dass der VSA sich den neuen Realitäten des Archivsberufs nicht verschliesst und die Schwerfälligkeit des Föderalismus überwinden will, um gemeinsame Strategien zu entwerfen, welche den verschiedenen und besonderen Begebenheiten angepasst sind.
Engere Zusammenarbeit
Ein anderes Zeichen für die Geisteswandlung sind die vermehrten Beziehungen zu verwandten Berufszweigen seit 1970, vor allem zu den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren (ihre Vereinigung geht auf das Jahr 1897 zu-rück) und in vermindertem Masse den Dokumentalistinnen und Dokumentalisten (1939). Diese Beziehungen schlugen sich erstmals im 1976 veröffentlichten Führer ABDS (Archive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen in der Schweiz) nieder; die Beziehungen zwischen den Bibliothekaren und den "Dokumentalisten" wurde über 50 Jahre durch ein gemeinsames Publikationsorgan gepflegt (Nachrichten / Nouvelles ASD/ABS) und gipfelten 1942 in der Herausgabe des ersten offiziellen Schweizerischen Dokumentationsführers, der unter anderem auch Informationen über die Archive enthielt. Andere erfolgreiche gemeinsame Publikationen stellen die Herausgabe von Arbido (ab 1986, mit Bulletin und Revue) und das Repertorium der handschriftlichen Nachlässe in den Bibliotheken und Archiven der Schweiz (1993) dar. Die Vereinspräsidenten treffen sich jährlich mehrmals. Ein Höhepunkt war die Organisation des ersten gemeinsamen Kongresses der Bibliothekare, Dokumentalisten und Archivare (BDA) 1994 in Lausanne. Die Mitgliedschaft in der AG Mikroformen steht den Mitgliedern aller drei Verbände offen, gemeinsam wurden auch Richtlinien für die Berufsbildung auf allen Stufen und im Rahmen der Fachhochschulen erarbeitet.
Mehrere Direktoren von schweizerischen Archiven sind seit 1980 im Internationalen Archivrat aktiv und wurden wiederholt mit Expertisen im Ausland beauftragt. Der VSA ist eher spät zu internationalen Beziehungen gekommen, und seine Präsenz auf internationaler Ebene wurde lange als Angelegenheit des Bundesarchivs betrachtet; symptomatisch dafür ist die Tatsache, dass erst 1972 eine Jahresversammlung des VSA mit einem Besuch des Bundesarchivs verbunden war.
Reform der Berufsbildung
Trotz ermutigender Zeichen grosser Vitalität sucht der VSA noch seine Identität in der Welt der Ausbildung, im politischen Alltag und beim Versuch, den Standort von Archivarinnen und Archivaren in der heutigen Gesellschaft zu definieren. Alle Veränderungen, die der VSA seit seiner Gründung erlebt hat, zeigen deutlich, wie sehr der Archivarsberuf den Bedürfnissen der Zeit unterworfen ist, wie die Anforderungen grösser geworden sind, wie Allgemeinkompetenz einer zunehmenden Spezialisierung Platz machen muss, wie die Ansprüche an den Verein von allen Seiten zunehmen. Der VSA muss mehr denn je Bindeglied sein, ein Ort für berufsspezifische Erörterungen für alle Mitglieder. Es wäre nachteilig, wenn regionale Vereinigungen oder Einzelpersonen eine vorherrschende Stellung einnehmen würden. Dies würde eine Berufsgattung, die zahlenmässig schon schwach genug ist, noch mehr schwächen und den Aktionsradius gegenüber den Aktenproduzenten einengen.
Die gegenwärtige Öffnung zu anderen Berufszweigen hingegen bedeutet keineswegs eine Gefahr für eine Vermengung der Ziele und Aufgaben, eher eine Stärkung durch gegenseitige Unterstützung. Es gilt, diese verschiedenen Berufe anzuerkennen und ihnen den gebührenden Respekt in einer Welt zukommen zu lassen, in der die Beziehungen nicht selten durch die Präsenz von Macht und Mitteln geprägt werden.
Der 75. Geburtstag des VSA verdeutlicht sichtbar einen Reifeprozess: Der Verein kommt vom Geruch einer elitären Gesellschaft weg, wendet sich über den 75. Geburtstag hinaus den Realitäten zu und ist willens, seine Ziele im Hinblick auf das nächste Jahrhundert auszurichten. In diesem Sinne ist das Jubiläum eine wichtige Etappe in der Herausforderung von morgen. Der VSA ist nunmehr ein Verein mit Zukunftsorientierung und nicht mehr vergangenheitsverhaftet. Die vorliegende Publikation bringt über das Gedenkjahr hinaus zum Ausdruck, in welche Richtung der Kurs geht, Verpflichtungen einzuhalten und Herausforderungen anzunehmen sind.
last edited: 15.08.2005
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